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UEN-Kolumne von Prof. Markus Launer: Gastbeitrag von Christian Hilke und Katalina Hilke-Holsten, Entrepreneure und Start-up Unternehmer von FourForTheBrain

  • Subtitle: Suderburg

Der Mensch im Mittelpunkt – KI als Werkzeug für Neuroplastizität, Teilhabe und Lebensqualität

Die Diskussion über künstliche Intelligenz wird häufig von technischen Möglichkeiten geprägt. Es geht um Algorithmen, Automatisierung und immer leistungsfähigere Systeme. Gleichzeitig stellt sich eine entscheidende Frage: Wie können diese Technologien konkret dazu beitragen, Menschen zu unterstützen, ihre Lebensqualität zu verbessern und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern?

Als Gründer von FourForTheBrain beschäftigen wir uns täglich mit Menschen, die von neurologischen Erkrankungen betroffen sind. Dazu gehören unter anderem Menschen mit Demenz, nach einem Schlaganfall oder mit anderen Erkrankungen des Gehirns, die das Erinnern, Lernen, Kommunizieren oder die Orientierung im Alltag erschweren können.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass technologische Innovationen dann ihren größten Wert entfalten, wenn sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Künstliche Intelligenz sollte nicht den Menschen ersetzen. Sie sollte ihn unterstützen.

Das Gehirn bleibt ein Leben lang lernfähig

Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass sich das Gehirn nach bestimmten Lebensphasen kaum noch verändert. Heute wissen wir, dass das Gegenteil der Fall ist. Das Gehirn besitzt die Fähigkeit zur Neuroplastizität. Es kann neue Verbindungen aufbauen, bestehende stärken und sich an veränderte Bedingungen anpassen.

Diese Erkenntnis eröffnet große Chancen für Menschen mit neurologischen Einschränkungen. Auch wenn bestimmte Fähigkeiten verloren gehen oder beeinträchtigt werden, können andere Fähigkeiten aktiviert, trainiert und gefördert werden. Erinnerungen können angeregt, Orientierung unterstützt und vorhandene Ressourcen gestärkt werden.

Gerade im Bereich neurologischer Erkrankungen ist deshalb die regelmäßige Aktivierung des Gehirns von großer Bedeutung. Dabei geht es nicht nur um klassisches Gedächtnistraining. Ebenso wichtig sind emotionale Erlebnisse, vertraute Situationen, bekannte Geräusche und Aktivitäten, die positive Erinnerungen hervorrufen können.

Neuroplastizität bedeutet letztlich Hoffnung. Sie bedeutet, dass Entwicklung möglich bleibt und dass Unterstützung auch dann noch Wirkung zeigen kann, wenn Herausforderungen bereits sichtbar geworden sind.

Künstliche Intelligenz als Unterstützer statt Ersatz

Im öffentlichen Diskurs wird künstliche Intelligenz häufig entweder als Heilsbringer oder als Bedrohung dargestellt. Aus unserer Sicht liegt die Realität dazwischen.

KI ist zunächst einmal ein Werkzeug.

Wie jedes Werkzeug kann sie sinnvoll oder weniger sinnvoll eingesetzt werden. Entscheidend ist die Frage, welchem Zweck sie dient.

In unserem Arbeitsalltag nutzen wir künstliche Intelligenz beispielsweise bei der Entwicklung neuer Konzepte, bei der Strukturierung von Ideen, bei der Erstellung von Textentwürfen, bei technischen Fragestellungen oder bei der Konfiguration digitaler Lösungen. KI hilft uns dabei, schneller zu arbeiten, Gedanken weiterzuentwickeln und neue Perspektiven zu betrachten.

Die eigentliche fachliche Arbeit, die Bewertung von Inhalten und die Entscheidung darüber, was Menschen wirklich hilft, bleibt jedoch beim Menschen.

Gerade im Gesundheits- und Sozialbereich halten wir diese Unterscheidung für besonders wichtig. Empathie, Erfahrung, Beobachtung und zwischenmenschliche Beziehungen lassen sich nicht automatisieren. KI kann diese Faktoren unterstützen, aber nicht ersetzen.

Neue Chancen für Menschen mit neurologischen Erkrankungen

Besonders spannend wird künstliche Intelligenz dort, wo sie individuelle Unterstützung ermöglicht.

Jeder Mensch erlebt eine neurologische Erkrankung anders. Bedürfnisse, Fähigkeiten und Herausforderungen unterscheiden sich oft erheblich. Standardisierte Lösungen stoßen deshalb schnell an ihre Grenzen.

Digitale Systeme können künftig dabei helfen, Unterstützungsangebote stärker an einzelne Menschen anzupassen. Lerninhalte können individueller gestaltet, Trainingsprogramme flexibler angepasst und Informationen bedarfsgerechter aufbereitet werden.

Auch im Bereich der Orientierung und Aktivierung entstehen neue Möglichkeiten. Bereits heute setzen wir beispielsweise auf speziell entwickelte Audioangebote, die Erinnerungen anregen und Menschen in vertraute Situationen eintauchen lassen. Dabei handelt es sich nicht um künstlich erzeugte Erlebnisse, sondern um reale Aufnahmen echter Aktivitäten und Alltagssituationen.

Die Wirkung solcher Angebote zeigt sich häufig in kleinen, aber bedeutsamen Momenten. Angehörige berichteten uns beispielsweise von deutlich intensiveren Gesprächen nach dem Anhören bestimmter Audioaufnahmen. Erinnerungen wurden aktiviert, gemeinsame Erlebnisse wurden wieder zum Gesprächsthema und Menschen öffneten sich stärker als zuvor.

Besonders bei Menschen mit leichteren oder mittelschweren kognitiven Einschränkungen konnten solche Impulse wichtige Gesprächsanlässe schaffen. Sie können Brücken bauen – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Betroffenen und Angehörigen.

Chancen für den ländlichen Raum

Gerade ländliche Regionen stehen vor besonderen Herausforderungen. Unterstützungsangebote sind häufig weiter entfernt, Fachkräfte sind begrenzt verfügbar und Wege können lang sein.

Gleichzeitig bietet der ländliche Raum große Potenziale. Menschen kennen sich, Gemeinschaften sind oft enger vernetzt und ehrenamtliches Engagement spielt eine wichtige Rolle.

Digitale Technologien und künstliche Intelligenz können dazu beitragen, diese Potenziale zu stärken. Sie ermöglichen neue Formen des Zugangs zu Wissen, Unterstützung und Förderung – unabhängig davon, ob jemand in einer Großstadt oder in einem kleinen Dorf lebt.

Auch im Landkreis Uelzen sehen wir die Chance, innovative digitale Lösungen mit den Stärken einer regionalen Gemeinschaft zu verbinden. Technologie kann dazu beitragen, bestehende Angebote zu ergänzen, Angehörige zu entlasten und Menschen länger ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Dabei darf Digitalisierung jedoch niemals Selbstzweck sein. Sie muss konkrete Probleme lösen und für die Menschen verständlich, zugänglich und nutzbar bleiben.

Die Vision

Wir sind überzeugt, dass die Zukunft nicht in einer Entscheidung zwischen Mensch und Maschine liegt.

Die Zukunft liegt in einer sinnvollen Verbindung beider Welten.

Künstliche Intelligenz kann Informationen verarbeiten, Muster erkennen und Prozesse unterstützen. Menschen bringen Empathie, Kreativität, Erfahrung und soziale Kompetenz ein.

Gerade im Umgang mit neurologischen Erkrankungen entsteht daraus eine große Chance. Wenn Technologie dazu beiträgt, Erinnerungen zu aktivieren, Orientierung zu fördern, Lernprozesse zu unterstützen und gesellschaftliche Teilhabe zu stärken, dann erfüllt sie einen wichtigen Zweck.

Für uns steht dabei immer derselbe Gedanke im Mittelpunkt: Technologie sollte sich an den Menschen anpassen – nicht der Mensch an die Technologie.

Denn am Ende geht es nicht um künstliche Intelligenz.

Es geht um Lebensqualität, Würde, Teilhabe und die Möglichkeit, Menschen auf ihrem individuellen Weg bestmöglich zu unterstützen.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.fourforthebrain.com.

Foto: Christian Hilke & Katalina Hilke-Holsten, Four for the Brain