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UEN-Kolumne mit Professor Markus Launer - Gastbeitrag von Michael Wilkens, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg-Wolfsburg: KI braucht Köpfe

  • Subtitle: Suderburg

Künstliche Intelligenz ist kein Zukunftsversprechen mehr. Sie verändert schon heute Prozesse, Berufsbilder und Geschäftsmodelle – wenn Unternehmen sie klug einführen und ihre Mitarbeitenden mitnehmen. Von Michael Wilkens

Manchmal beginnt Transformation ganz unspektakulär. Nicht mit einem Strategiepapier, nicht mit einer millionenschweren Softwareeinführung, sondern mit einem Satz in ein Chatfenster: „Fasse mir diese zehn Seiten zusammen." Oder: „Schreibe mir einen ersten Entwurf für ein Angebot."

So fängt Künstliche Intelligenz in vielen Unternehmen an. Als Unterstützung im Alltag. Als Werkzeug, das Texte glättet, Ideen sortiert, Daten verdichtet oder Routineaufgaben beschleunigt. Das senkt die Schwelle, nimmt Berührungsängste und macht erlebbar, was KI kann. Aber es ist nur der Anfang.

Die eigentliche Frage lautet nicht: Nutzen wir KI? Die eigentliche Frage lautet: Wofür nutzen wir sie – und mit welchem Ziel?

Künstliche Intelligenz wird die Wirtschaft nicht irgendwann verändern. Sie tut es bereits. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat Ende 2025 bundesweit knapp 4.700 Unternehmen befragt, darunter 169 aus dem Bezirk unserer IHK Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW). In unserer Region bewerten 77,5 Prozent der Betriebe ihren eigenen Digitalisierungsgrad mit mindestens befriedigend. 31,5 Prozent setzen Künstliche Intelligenz oder Maschinelles Lernen bereits ein, weitere 33,9 Prozent planen den Einsatz innerhalb der nächsten drei Jahre. Am häufigsten nutzen Unternehmen KI bisher für die Erzeugung von Texten, Bildern und Audios; 76,4 Prozent nennen dieses Einsatzfeld. Als größte Herausforderungen bei der Datennutzung beschreiben die Betriebe rechtliche Unsicherheiten, technische Hemmnisse wie fehlende Standards oder fehlende Infrastruktur sowie fehlendes Know-how zur Verwertung.

Diese Zahlen zeigen: KI ist im Mittelstand angekommen. Und viele Unternehmen stehen trotzdem erst am Anfang der eigentlichen Arbeit.

Denn KI ist nicht einfach ein weiteres digitales Werkzeug, das eingekauft, freigeschaltet und dann genutzt wird. KI verändert Abläufe, Rollen, Entscheidungswege und Verantwortung. Sie stellt Unternehmen vor neue Fragen: Welche Daten dürfen wir nutzen? Wer prüft Ergebnisse? Welche Tools sind sicher? Welche KI-Anwendungen fallen unter die europäische KI-Verordnung? Wo braucht es menschliche Kontrolle? Und welche Kompetenzen müssen Beschäftigte aufbauen, damit aus einem technischen Werkzeug ein echter wirtschaftlicher Vorteil wird?

Ich bin überzeugt: Unternehmen brauchen jetzt weniger Hype und mehr Handwerk. Weniger Staunen über das, was KI alles kann. Mehr Klarheit darüber, was KI im eigenen Betrieb leisten soll.

Der beste Einstieg beginnt nicht bei der Technologie, sondern beim Problem. Wo verlieren wir Zeit? Wo entstehen Fehler? Wo fehlt Wissen? Wo sind Fachkräfte dauerhaft überlastet? Wo wartet die Kundschaft zu lange auf Antworten? Wo liegen Daten brach, aus denen wir bessere Entscheidungen ableiten könnten? Genau dort lohnt sich der Blick auf KI.

Ein Handwerksbetrieb kann mit KI Angebote schneller vorbereiten, Materialbedarfe besser kalkulieren oder Baustellendokumentationen strukturieren. Ein Industriebetrieb kann Qualitätsdaten auswerten, Maschinenzustände überwachen oder Wartung vorausschauend planen. Ein Hotel kann Gästekommunikation personalisieren und Bewertungen systematisch auswerten. Ein Logistikunternehmen kann Routen, Auslastung und Lieferzeiten optimieren.

Das klingt technisch. In Wahrheit ist es zutiefst unternehmerisch. KI zwingt Unternehmen dazu, die eigenen Prozesse besser zu verstehen. Wer nicht weiß, wie Arbeit heute tatsächlich läuft, kann sie auch nicht sinnvoll automatisieren. Und wer unklare Abläufe einfach mit KI beschleunigt, bekommt keine bessere Organisation, sondern nur schnellere Unordnung.

Deshalb braucht KI Strategie. Nicht als Hochglanzfolie, sondern als praktisches Arbeitsprogramm. Unternehmen sollten klein anfangen, aber klar denken. Ein Pilotprojekt mit messbarem Nutzen ist besser als ein großes Vorhaben ohne Richtung. Spart die KI-Anwendung Zeit? Verbessert sie Qualität? Entlastet sie Beschäftigte? Macht sie Wissen verfügbar, das sonst in einzelnen Köpfen steckt? Wenn die Antwort ja lautet, kann skaliert werden. Wenn nicht, wird angepasst oder beendet. Auch das ist Fortschritt.

Der Berliner Digitalisierungsforscher Prof. Dr. Sascha Friesike bringt es in einem Interview mit unserer IHKLW auf den Punkt: Nur weil KI eingesetzt werde, bedeute das noch nicht, dass sie effektiv integriert sei oder tatsächlich menschliche Probleme adressiere. Technologie allein könne keine Probleme lösen, wenn sie nicht in einen Kontext eingebettet sei, der die wirklichen Bedürfnisse und Herausforderungen berücksichtigt.

Genau diesen Kontext müssen Unternehmen schaffen. KI gehört nicht allein in die IT-Abteilung. Sie gehört in die Geschäftsführung, in die Personalentwicklung, in die Fachbereiche, in den Vertrieb, in die Produktion und in den Kundenservice. Und sie gehört in den Dialog mit den Menschen, die später damit arbeiten.

Denn die wichtigste KI-Komponente im Unternehmen bleibt der Mensch. KI liefert Vorschläge, Muster, Prognosen und Entwürfe. Aber sie versteht nicht automatisch die Kundschaft eines regional verwurzelten Unternehmens. Sie kennt nicht ohne Weiteres die Kultur eines Betriebs. Sie erkennt nicht zuverlässig, ob ein Ergebnis rechtlich sauber, fachlich belastbar oder kommunikativ klug ist. Dafür braucht es Menschen mit Erfahrung, Urteilsvermögen und Fachwissen.

Wer gute Prompts schreiben will, muss wissen, was gefragt werden soll. Wer KI-Ergebnisse bewerten will, muss das Thema verstehen. Wer automatisierte Prozesse verantwortet, muss Risiken erkennen. Die neue Schlüsselkompetenz heißt deshalb nicht, möglichst viele Tools zu bedienen. Sie heißt: KI kompetent, kritisch und rechtssicher einsetzen.

Ein guter Prompt beschreibt Ziel, Rolle, Kontext, Zielgruppe, Ton, Grenzen und gewünschtes Format. Noch wichtiger ist die Fähigkeit, Ergebnisse zu kuratieren: Was stimmt? Was fehlt? Was klingt plausibel, ist aber falsch? Welche Quelle trägt die Aussage? Welche Information darf aus Datenschutzgründen gar nicht in ein System eingegeben werden? Hier entscheidet sich, ob KI zur Produktivitätsmaschine wird oder zum Risiko.

Die europäische KI-Verordnung macht diese Kompetenzfrage auch rechtlich relevant. Laut Europäischer Kommission sollen Anbietende und Nutzende von KI-Systemen ein ausreichendes Maß an KI-Kompetenz sicherstellen. Dazu gehört, zu verstehen, welche KI im Unternehmen eingesetzt wird, welche Chancen und Risiken bestehen und welches Wissen Beschäftigte für ihren jeweiligen Einsatzkontext brauchen. KI-Kompetenz ist damit kein Nice-to-have. Sie wird Teil verantwortungsvoller Unternehmensführung.

Das gilt besonders mit Blick auf Beschäftigung. Natürlich wird KI Arbeit verändern. Routineaufgaben werden verschwinden oder stark beschleunigt. Für einige Tätigkeiten werden weniger Menschen gebraucht. Andere entstehen neu: KI-Anwendungen auswählen, Daten vorbereiten, Ergebnisse prüfen, Prozesse gestalten, Systeme überwachen, ethische und rechtliche Leitplanken setzen. Arbeit wird nicht automatisch weniger. Aber sie wird anders.

Wer diese Veränderung verschweigt, verliert Vertrauen. Wer sie gestaltet, gewinnt Zukunft.

Die Arbeitsweltforscherin Prof. Dr. Yasmin Weiß spricht in diesem Zusammenhang von Gestaltungskompetenz. In einem Interview des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation betont sie, Unternehmen hätten selbst in der Hand, was sie automatisieren – und was sie bewusst nicht automatisieren. Sie beschreibt KI-Assistenzen und KI-Agenten als Entlastung im Arbeitsalltag, warnt aber zugleich, dass viele Menschen noch nicht ausreichend mitgenommen werden.

Dieser Gedanke ist zentral. KI darf nicht als Rationalisierungsprogramm kommuniziert werden, das über die Köpfe der Beschäftigten hinweg eingeführt wird. Dann wird sie auf Widerstand stoßen. KI muss als Entwicklungschance erfahrbar werden: weniger stumpfe Routine, schnellerer Zugang zu Wissen, bessere Vereinbarkeit, mehr Zeit für die Kundschaft, mehr Raum für Kreativität, mehr Qualität.

Das gelingt nur, wenn Führungskräfte ehrlich sind. Sie müssen erklären, warum KI eingeführt wird. Sie müssen sagen, welche Ziele verfolgt werden. Sie müssen Grenzen setzen. Und sie müssen Beschäftigte befähigen, die neue Technologie souverän zu nutzen.

In vielen Betrieben gibt es heute schon zwei Wirklichkeiten. Offiziell ist KI noch nicht eingeführt. Inoffiziell nutzen Beschäftigte längst ChatGPT, Übersetzungsprogramme, Bildgeneratoren oder andere Tools. Das zeigt Neugier und Eigeninitiative. Es birgt aber Risiken. Wenn sensible Daten in ungeprüfte Systeme gelangen, wenn Ergebnisse ungeprüft übernommen werden oder wenn niemand weiß, welche Tools erlaubt sind, entsteht ein gefährlicher Graubereich.

Aus unserer Beratungspraxis wissen wir: Viele Unternehmen brauchen zuerst Orientierung. Sie brauchen keine abstrakten Zukunftsszenarien, sondern konkrete Antworten. Welche KI-Anwendung passt zu unserem Bedarf? Welche Daten dürfen wir verwenden? Welche Rolle spielt der Datenschutz? Was bedeutet der AI Act für uns? Wie qualifizieren wir unsere Beschäftigten? Wo gibt es Unterstützung?

Als IHKLW setzen wir genau dort an. Wir informieren Unternehmen zu KI-Anwendungen, rechtlichen Rahmenbedingungen, Praxisbeispielen und Weiterbildungsangeboten. Wir arbeiten mit Partnern wie dem Mittelstand-Digital Zentrum Hannover zusammen, das kleine und mittlere Unternehmen kostenfrei bei Digitalisierungs- und KI-Fragen unterstützt. Wir bieten Veranstaltungen, Beratung und Qualifizierung an – vom ersten Überblick bis zur Weiterbildung im KI-Management. Ziel ist, dass Unternehmen nicht allein vor dieser Aufgabe stehen.

Auch in unserer eigenen Organisation gehen wir diesen Weg. In der IHKLW arbeitet ein KI-Board daran, KI-Anwendungen zu bewerten, Chancen zu nutzen, Risiken einzuordnen und die Implementierung voranzubringen. Denn auch für uns gilt: KI ist kein Fremdthema. Sie kann Services verbessern, interne Abläufe beschleunigen und Wissen besser verfügbar machen. Aber sie muss zu unseren Aufgaben, Werten und Verantwortlichkeiten passen.

Besonders wichtig ist mir der Blick auf die Fachkräfte von morgen. Junge Menschen wachsen in eine Arbeitswelt hinein, in der KI selbstverständlich sein wird. Unternehmen, die KI pauschal verbieten oder ignorieren, wirken auf diese Talente schnell wie aus der Zeit gefallen.

Gleichzeitig reicht es nicht, junge Menschen als „Digital Natives" zu bezeichnen. KI souverän zu nutzen, muss gelernt werden. In Ausbildung, Studium, Weiterbildung und im Betrieb. Die Fachkräfte von morgen brauchen technisches Grundverständnis, Datenkompetenz, rechtliches Bewusstsein und die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch einzuordnen. Vor allem aber brauchen sie fachliche Tiefe. Denn KI macht Fachwissen nicht überflüssig. Sie macht es wertvoller.

Eine KI kann einen Vertragsentwurf zusammenfassen. Ob die Zusammenfassung juristisch belastbar ist, entscheidet ein Mensch mit Expertise. Eine KI kann Produktionsdaten analysieren. Ob die Schlussfolgerung technisch sinnvoll ist, erkennt eine Fachkraft. Eine KI kann einen Marketingtext schreiben. Ob er zur Marke, zur Zielgruppe und zur Wirklichkeit des Unternehmens passt, beurteilt ein Mensch.

Genau darin liegt die große Chance für den Mittelstand. Kleine und mittlere Unternehmen verfügen über etwas, das keine KI einfach kopieren kann: Nähe zum Markt, gewachsene Kundenbeziehungen, Erfahrungswissen, Tempo in Entscheidungen, Pragmatismus. Wenn dieses Wissen mit KI verbunden wird, entstehen starke Lösungen. Keine abstrakten Tech-Visionen, sondern konkrete Verbesserungen im Alltag.

Dazu braucht es Mut. Aber nicht den Mut zum Sprung ins Ungewisse. Eher den Mut, anzufangen. Einen Prozess auszuwählen. Ein Team einzubinden. Regeln zu formulieren. Ein Tool zu testen. Ergebnisse zu messen. Aus Fehlern zu lernen. Und dann den nächsten Schritt zu gehen.

KI wird nicht jedes Problem lösen. Sie wird auch neue Risiken schaffen. Aber wer nur auf Risiken schaut, übersieht die Gestaltungsmöglichkeiten. Und wer nur auf Chancen schaut, übersieht Verantwortung. Erfolgreich werden die Unternehmen sein, die beides zusammenbringen: Begeisterung und Sorgfalt. Tempo und Kontrolle. Technologie und Menschlichkeit.

Für mich ist KI deshalb vor allem eine Führungsaufgabe. Führungskräfte müssen Orientierung geben, Vertrauen schaffen und Lernräume öffnen. Sie müssen akzeptieren, dass nicht alles sofort perfekt läuft. Und sie müssen deutlich machen: Wir führen KI nicht ein, weil es modern klingt. Wir tun es, weil wir besser werden wollen.

Besser für die Kundschaft. Besser für Beschäftigte. Besser im Wettbewerb.

Künstliche Intelligenz ist kein Ersatz für unternehmerische Verantwortung. Sie ist ein Werkzeug, um sie wirksamer wahrzunehmen. Wer KI strategisch einführt, Mitarbeitende qualifiziert und rechtssicher handelt, kann Produktivität steigern, Fachkräfte entlasten und neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Am Ende entscheidet nicht die Maschine, wie gut die Transformation gelingt. Es entscheiden Menschen. Menschen, die gute Fragen stellen. Menschen, die Ergebnisse prüfen. Menschen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die lernen wollen.

KI wird Alltag. Machen wir etwas Gutes daraus.

Foto (Tamme/IHKLW): Michael Wilkens ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW), Sprecher Digitalisierung der IHK Niedersachsen und KI-Enthusiast.