UEN-Kolumne mit Janith Lemmermann - Die Zerreißprobe im Landkreis: Warum die Demokratie in Uelzen unter Gleichgültigkeit und Hetze leidet
Wer in diesen Tagen durch den Landkreis Uelzen fährt – ob durch die Dörfer der Samtgemeinden Aue und Bevensen-Ebstorf, über die Dörfer im Suderburger Land oder durch die Innenstadt der Kreisstadt –, spürt eine besorgniserregende Dynamik. Die Stimmung im Landvolk und in der Bürgerschaft ist nicht mehr nur gereizt; sie ist grundlegend geladen. Die Liste der Konfliktfelder ist lang: vom bröckelnden Zustand unserer Straßen und Schulen über die finanzielle Notlage unserer Kommunen [4] bis hin zu hart geführten Auseinandersetzungen um Windkraftflächen, Gewerbegebiete und die Transformation unserer Kulturlandschaft.
Was jedoch wirklich Angst machen muss, ist nicht der Streit an sich. Demokratie lebt vom Widerstreit der Interessen. Was unsere Region derzeit im Innersten erschüttert, ist die Art und Weise, wie dieser Streit geführt wird. Die Debatten werden unversöhnlicher, persönlicher und oft von einer gefährlichen Verachtung für demokratische Prozesse begleitet. Während sich am lauten, extremen Rand Akteure festsetzen, die das Vertrauen in den Rechtsstaat und die kommunalen Institutionen gezielt untergraben, zieht sich die schweigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger frustriert und abgewendet zurück.
Das gefährliche Missverständnis: Demokratie ist kein Vollkaskoschutz
Wir erleben im Landkreis Uelzen eine schleichende Entfremdung von den Grundlagen unseres Gemeinwesens. Demokratie wird von vielen fälschlicherweise als reine Dienstleistung missverstanden – wie eine Versicherung, für die man mit seinen Steuern zahlt und bei der man verlangt, dass „die da oben” im Kreistag, in den Samtgemeinderäten oder im Rathaus gefälligst reibungslos liefern.
Wenn Entscheidungen dann schmerzhaft sind, weil die Mittel knapp sind oder Interessen kollidieren, kippt die Erwartungshaltung blitzartig in Resignation oder pauschale Politikverachtung um. Doch das ist ein fataler Trugschluss. Unsere Demokratie ist kein Supermarkt, in dem man fertige Ergebnisse aus dem Regal nimmt. Sie ist ein Werkraum. Sie lebt vom Verhandeln, vom Ertragen anderer Meinungen und vor allem vom eigenen Anpacken. Wer sich auf die Tribüne setzt und nur buht, vergisst, dass das Spiel auf dem Platz ohne die Bürger gar nicht stattfinden kann.
Wo das kommunale Fundament im Landkreis Uelzen bröckelt
Die eigentliche Zerreißprobe für unsere Heimat wird nicht im fernen Berlin oder im Landtag in Hannover entschieden. Sie spielt sich direkt vor unserer Haustür ab. Drei Fehlentwicklungen gefährden das demokratische Miteinander vor Ort massiv:
- Das schleichende Sterben des politischen Ehrenamts: Immer weniger Menschen sind bereit, ihre Abende in Ortsräten, Ausschüssen oder Parteigremien zu verbringen. Der Grund dafür ist längst nicht mehr nur Zeitmangel. Wer heute politische Verantwortung im Kleinräumigen übernimmt, steht schutzlos im Wind. Ehrenamtliche Mandatsträger sehen sich bundesweit wie auch hier bei uns in der Region zunehmend mit gezielter Häme, digitalem Hass und persönlichen Anfeindungen konfrontiert [2]. Wenn der Preis für kommunales Engagement die eigene Seelenruhe oder die Sicherheit der Familie wird, verliert die Demokratie ihre besten Köpfe.
- Der totale Verfall der Streitkultur: Sachorientierte Kompromisse gelten in Teilen der Öffentlichkeit fälschlicherweise nicht mehr als die höchste Kunst der Demokratie, sondern als charakterschwacher Verrat. Schwarz-Weiß-Denken, Maximalforderungen und das Verharren in den eigenen Echokammern ersetzen den lösungsorientierten Diskurs. Wer nicht für mich ist, ist der Feind – diese Logik giftet das Klima in unseren Dörfern und Städten systematisch ein [5].
- Strukturelle Machtlosigkeit und verkrustete Beteiligung: Viele Menschen in den ländlichen Ortsteilen haben das Gefühl, dass wichtige Weichenstellungen hinter verschlossenen Türen oder zentral in der Kreisstadt getroffen werden. Bürgerbeteiligung wird oft erst dann angesetzt, wenn die Pläne im Grunde schon gezeichnet sind. Das erzeugt verständlichen Frust und treibt die Menschen in die Arme derer, die einfache Antworten auf komplexe Probleme versprechen [4, 5].
„Eine Demokratie stirbt nicht an harten, lautstarken Debatten – sie stirbt an der Gleichgültigkeit der Mehrheit und am leisen Rückzug derer, die sie eigentlich tragen müssten.”
Der Gegenentwurf: Was wir jetzt im Landkreis Uelzen tun müssen
Wenn wir nicht tatenlos zusehen wollen, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt in unserer Region weiter erodiert, müssen wir die Kommunalpolitik und das zivilgesellschaftliche Miteinander neu ausrichten. Wir brauchen den Mut zur klaren Kante – gegen Spalter ebenso wie gegen die eigene Bequemlichkeit:
- Echte Bürgerbeteiligung von Anfang an: Bürgerforen und Einwohnerfragestunden dürfen keine Alibi-Veranstaltungen zur Abnickung fertiger Beschlüsse sein. Die Menschen im Landkreis müssen von Tag eins an in die Entwicklung von Projekten eingebunden werden. Nur wer mitgestalten darf, identifiziert sich am Ende auch mit schmerzhaften Kompromissen [4, 5].
- Konsequenter Schutz und Rückhalt für Ehrenamtliche: Wer sich im Ratsrund, in der Freiwilligen Feuerwehr, im Sportverein oder in zivilgesellschaftlichen Initiativen engagiert, verdient den unbedingten Rückhalt der gesamten Gesellschaft. Die Weiterbildungs- und Hilfsangebote des Landkreises gegen Hass und Hetze [3] sind ein richtiger Ansatz, aber wir brauchen auch im Alltag eine Kultur der Zivilcourage: Wer Ehrenamtliche angreift, greift uns alle an.
- Kante zeigen gegen Demokratiefeinde: Demokratie muss wehrhaft sein. Sie ist tolerant, darf aber niemals gegenüber jenen tolerant sein, die ihre Grundwerte verachten und unsere Institutionen verächtlich machen. Initiativen im Landkreis beweisen immer wieder, wie entscheidend eine klare, unmissverständliche Abgrenzung gegen Extremismus und Spaltungsversuche ist [1].
Veränderung beginnt nicht in Parteizentralen, sondern direkt vor Ort: am Stammtisch, am Feldrand, im Vereinsheim und in den Ratsgremien. Wir müssen wieder lernen, einander zuzuhören, uns hart in der Sache zu streiten, einander die Hand zu reichen und danach gemeinsam anzupacken. Der Landkreis Uelzen hat das Potenzial für eine starke, lebendige und wehrhafte Region – aber dafür müssen wir endlich aufstehen und Verantwortung übernehmen.
Quellen und Nachweise
- evangelisch.de (24.05.2024): „Beherzter Einsatz für Demokratie und Vielfalt” – Porträt der Initiative „beherzt” aus dem Landkreis Uelzen, die seit 2018 mit heute über 700 Mitgliedern gegen völkische Siedler und für Demokratie, Vielfalt und Toleranz eintritt (Julius-Rumpf-Preis 2024). https://www.evangelisch.de/inhalte/229920/24-05-2024/gegen-rechtsruck-auf-dem-land-beherzter-einsatz-fuer-demokratie-und-vielfalt
- BKA / Forschungsverbund MOTRA (05.03.2025): „Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker weiterhin Hass und Hetze ausgesetzt” – Kommunales Monitoring (KoMo): 35–40 % der (kommunal-)politischen Amtsträger berichten über sieben Befragungswellen von Anfeindungen und Übergriffen; rund 80 % sehen sich durch Desinformation/Deepfakes bedroht. https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/250228_MOTRA_2025.html
HateAid (2024/2025): „Safe to engage – Securing democratic voices online”, YouGov-Befragung: 43 % finden, Politikerinnen müssten Anfeindungen im Netz als Teil des Jobs aushalten; Frauen sind mit 63 % häufiger und stärker sexualisiert betroffen als Männer (53 %). https://hateaid.org/hass-hetze-politisch-engagierte-safe-to-engage/
- Uelzener Presse (13.11.2025): „Demokratiebildung: Veranstaltung zieht viele kommunalpolitisch Interessierte an” – Landkreis-Veranstaltung „Starke Demokratie im Landkreis Uelzen” mit Landrat Dr. Heiko Blume, zur Sensibilisierung im Umgang mit Hass und Hetze gegen Kommunalpolitiker. https://uelzener-presse.de/2025/11/13/demokratiebildung-veranstaltung-zieht-viele-kommunalpolitisch-interessierte-an/
- Uelzener Nachrichten (27.05.2026): „Historische Finanzkrise bedroht Landkreise, Städte und Gemeinden – Uelzens Landrat Dr. Blume bei Aktionstag in Hannover” – Landkreis Uelzen verzeichnete 2025 ein Defizit von 18 Mio. Euro; bundesweit 32 Mrd. Euro, in Niedersachsen 3,6 Mrd. Euro. https://www.uelzener-nachrichten.com/lokales/9932-historische-finanzkrise-bedroht-landkreise-staedte-und-gemeinden-uelzens-landrat-blume-bei-aktionstag-in-hannover
Deutscher Landkreistag / Aktionstag „Kommunen am Limit” (22.06.2026): bundesweites Finanzierungsdefizit der Kommunen 2025 über 30 Mrd. Euro. https://www.landkreistag.de/kommunen-am-limit
- KOMMUNAL (2026): „Neues Vertrauen über Bürgerbeteiligung schaffen” – Analyse zur wachsenden Kluft zwischen Bürgern und Politik sowie zur Bedeutung frühzeitiger Beteiligungsmodelle in der Lokalpolitik. https://kommunal.de/buergerbeteiligung-vertrauen-polarisierte-gesellschaft
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